Apps und Sportuhren mit integrierten Karten machen das Orientieren in der Natur scheinbar kinderleicht und sicher. Das gilt fürs Spazieren und Wandern, Trailrunning, Bikeausfahrten, Bergtouren im Hochgebirge oder Ski- und Schneeschuhtouren. Nur welches der zahlreichen digitalen Navi-Helferlein, bei denen es deutliche Preisunterschiede gibt, ist empfehlenswert? Bevor wir weiterphilosophieren holt uns Alpenvereinsexperte Kurt Anetzhuber zurück auf den Boden der Realität. „Die Herausforderung bei der digitalen Orientierung in der Natur ist, dass die Nutzer fähig sein müssen, ihre App entsprechend zu bedienen“, empfindet er nicht die Wahl der App, sondern das Trainieren des Umgangs mit ihr als entscheidend. Anetzhuber ist überzeugt, dass bei kompetenter Nutzung der Outdoor-Apps Notfälle, wie ‚Wanderer vom Weg abgekommen‘ oder ‚verirrt‘ kaum passieren würden. Auf eine weitere „Hausaufgabe“ weist uns Werner Radl, Kärntner Landeschef des Alpenvereins, hin: „Wir raten dringend zu fundierter, professioneller Tourenplanung.“

Digital korrekte Wege als Basis

Wer viel in der Natur unterwegs ist, stellt immer wieder fest, Wege, die in Karten eingezeichnet sind, gibt es gar nicht. Ebenso entdeckt man Wege, die laut Karte nicht existieren. Woran das liegt erklärt uns Werner Radl: „Die ausgewiesenen Wege sind nur so ‚richtig‘, wie sehr die Apps auf eine aktuelle Wege-Datenbasis zurückgreifen können“. „Wir arbeiten intensiv daran, das gesamte alpine Wegenetz, das der Alpenverein in Kärnten pflegt, in einen so professionellen digitalen Zustand zu bringen, dass alle diese Wege in den Apps, wie etwa Alpenvereinaktiv, korrekt aufscheinen. Bis dahin wird es wohl noch zwei Jahre dauern“, erklärt Sepp Maierhofer, der beim Alpenverein für das Kärntner Bergwegeverzeichnis verantwortlich ist. „Unsere Hoffnung ist, dass langfristig zusätzlich zu alpinen Wegen, für die der Alpenverein verantwortlich ist, auch Gemeindewege, von Tourismusverbänden verantwortete Wege, Themen- und Pilgerwege usw. in der kärntenweiten Wegedatenbank zur Verfügung stehen. Das würde die Qualität aller Kartenprodukte weiter verbessern“.

 

DIE EXPERTEN

„Die Grundlage aller Apps und Wanderkarten sind korrekt ins digitale Kärntner Landesverzeichnis eingetragene alpine Wege. Daran arbeiten wir intensiv.“

Werner Radl (links, Landesvorsitzender), Sepp Maierhofer (Mitte, Datenbank Alpine Wege & Bergwegeverzeichnis) und Kurt Anetzhuber (rechts, App Alpenvereinaktiv) sind Weg- und Digital-Orientierungsspezialisten des Landesverbandes Kärnten des Alpenvereins. www.alpenverein.at/kaernten

INSIDERTIPPS

1. Offline-Karten

Die Einsatzbereitschaft der Outdoor-Apps fußt auf einer aktiven Internetverbindung. Bei schlechtem oder keinem Netz muss die App auf im Smartphone Gespeichertes zurückgreifen. Daher ist es zentral, Karten der App heruntergeladen zu haben. Diese „Offline-Karten“ sind meist nur in Bezahl-Versionen verfügbar. Hat die App die Karte offline zur Verfügung, funktioniert sie dank der netz-unabhängigen GPS-Funktion des Handys wie gewohnt und man kann ungehindert weiter navigieren.

2. Ohne Netz keine Kommunikation

Gar kein Handynetz am jeweiligen Standort, macht jede Kommunikation, auch Notrufe unmöglich. Zwar greifen Notrufe auf jedes verfügbare Netz zurück, ist aber gar keines vorhanden, bleibt das Handy stumm. Blindes Verlassen darauf, immer und überall Hilfe holen zu können, ist nicht ratsam.

3. Kein Netz – kein Standort-Teilen

Einzelne Apps bieten „BuddyBeacon“ (Outdooractive) oder „Live-Tracking“ (Bergfex und Komoot) genannte Funktionen. Damit weiß eine Vertrauensperson wo man sich befindet und kann notfalls Hilfe organisieren, wenn man selbst nicht in der Lage ist. Für das Standort-Teilen braucht die App Internet, sonst wird der Standort nicht aktuell geteilt.

4. Powerbank mitnehmen

Das Nutzen von Navi-Apps braucht Akku. Überproportional viel wenn es kein Netz gibt. Deshalb gilt: immer eine Powerbank inklusive Handy-Ladekabel mitnehmen.

5. Gewissenhafte Tourenplanung

Auch wenn man alle Informationen zur Tour in der App zur Verfügung hat, muss man sie dennoch im Vorfeld gewissenhaft planen. Dazu gehören u.a. Wetterchecks und eine Vertrauensperson darüber zu informieren, wo man unterwegs sein und wann man retour sein will.

6. Apps als Touren-Inspirationsquelle

Eine Stärke der allermeisten Apps ist, dass sie sehr viele Tourenvorschläge bieten. Dabei gilt, jede Info ist subjektiv. Was leicht oder schwer, was ausgesetzt ist oder was gefährlich erscheint, empfindet nicht jeder gleich. Deshalb gilt – Tourentipps ersetzen die Tourenplanung nicht.

7. Kein blindes Verlassen auf die App

Wie beim Autofahren gilt auch Outdoor – nie blind auf die App verlassen. Hausverstand und Eigenverantwortung sind gefragt.

8. App-Testrunden auf bekannten Strecken

Wenn man eine App zu nützen beginnt, mit der man noch keine Erfahrung hat, sollte man das auf Strecken machen, die man gut kennt. So wird Vertrauen in die App aufgebaut, ihre Handhabung trainiert und ein Gefühl für ihre Funktionsweise entwickelt.

Know-how & mehr

NAVI-LÖSUNGEN – DIE UNTERSCHIEDE

Die einzelnen Orientierungs- und Navigationslösungen sind was ihre Funktionsweise ebenso wie die Optik der Karten betrifft grundverschieden. Ratsam ist zu beachten, von wem – Digitalspezialist, Kartenverlag, Uhrenhersteller – die App stammt. Fürs persönliche Anwenden spielen subjektive Vorlieben und bisherige Erfahrungen eine wichtige Rolle.

Outdoor-Apps

Die drei am weitesten verbreiteten Multisport-Outdoor-Apps (Outdooractive, Bergfex, Komoot) stammen von Digital-Spezialisten. Outdooractive ist was professionelle Einsatzbereiche u.a. für Tourismusregionen betrifft, weit verbreitet. Das Tourenportal der Kärnten Werbung (www.touren.kaernten.at) etwa basiert darauf. Bergfex hat einen klar alpinen Fokus, bietet zwar nicht ganz so viele Kartenvarianten wie Outdooractive, aber einen ähnlichen Leistungsumfang. Komoot ist sehr stark was die Menge der Nutzer und die von ihnen veröffentlichten Touren betrifft.

Print & App kombiniert

Wenn Verlage Apps auf den Markt bringen, dann insbesondere um ihre Wanderführer bzw. Wanderkarten mit den digitalen Möglichkeiten aufzuwerten. Kompass zeichnet die herausragende, eigenständige Optik der Karten aus, die analog und digital identisch ist. Die Stärke des Rother Bergverlags sind die tausenden von Profis für die Wanderführer erstellten Touren, die auch exklusiv in der App zur Verfügung stehen.

Uhren & Apps

Suunto und Garmin kennt man als Hersteller von hochwertigen Sportuhren. Ein weiterer Schwerpunkt von Garmin sind hochwertige, professionelle Navigationslösungen. Logisch dass Garmin auf das Zusammenspiel von Uhr, Smartphone-App und Navigationsgeräten setzt und dafür Premium-Kartenmaterial bietet. Suunto wiederum wertet seine Uhren mit einer ausgezeichneten App und kostenlosen Karten auf.

PRODUKT-TIPPS

Getestet und kritisch hinterfragt von Oliver Pichler

 

ALLESKÖNNER-APP

Große Kartenauswahl, sehr gutes Planungtool, professionell
Es ist die Kartenauswahl, die uns bei Outdooractive (Pro+ Version) begeistert. Unübertroffen ist das Touren-Planungstool, gut die Trackingfunktion. Viele Tourenvorschläge. Die Alpenvereins- und die Naturfreunde-Apps bauen auf Outdooractive auf. Nutzung via Smartphone, Desktop und Smartwatch. Top: „BuddyBeacon“ (ab Pro Version). Ermöglicht, dass eine Vertrauensperson in Echtzeit sieht, wo man sich befindet, vorausgesetzt man hat Internet-Verbindung.
OUTDOORACTIVE – App-Basisversion kostenlos. Pro € 30,– bzw. Pro+ € 60,– pro Jahr
www.outdooractive.com
www.alpenvereinaktiv.com
www.tourenportal.at

SOLIDE, PROFESSIONELLE APP

Top Karte und Trackingfunktion, viele Zusatzfeatures
Bergfex bietet sehr gute, übersichtliche, leicht „lesbare“ Karten. Solides Touren-Planungstool, viele Tourenvorschläge. Zig Funktionen. Neu: „Berge Erkennen“ zum Anzeigen der Namen umliegender Gipfel und das Einblenden von Webcams in der Karte. „Live-Tracking“ (wenn online), damit eine Vertrauensperson sieht, wo man sich befindet. App läuft am Smartphone und Tablet. Version für Apple Watch. Zugriff via Desktop.
BERGFEX TOUREN – Basisversion kostenlos. PRO € 23,99 pro Jahr
www.bergfex.at

DIE COMMUNITY-APP

Sehr viele Tourentipps & sehr aktive Community
Zu zeigen, welche Touren es an einem Standort gibt, ist eine der Stärken von Komoot. Die Tipps stammen meist von Mitgliedern der riesigen Komoot-Community, entsprechend sind Informationen und Qualität unterschiedlich. Weit verbreitet auch unter Bikern. Solide Kartografie. Premium-App mit vielen Funktionen.
KOMOOT – Basisversion kostenlos. Karten für Offline-Nutzung, etwa Welt-Paket € 29,99 (einmalig) oder Komoot Premium (Kartennutzung & viele Zusatzfunktionen) € 59,99 (jährlich)
www.komoot.com

PRINT-FÜHRER & APP

Ausschließlich Profi-Touren in solider App
Die Rother-Wanderfüher sind legendär. Von Profis für die Führer verfasste Touren (insgesamt über 13.000) sind in der Rother-App verfügbar. Sie baut auf Freytag & Berndt-Wanderkarten auf. Top: Kartendownload schon in Gratisversion. Neu: Warnung, wenn man vom Weg abkommt.
ROTHER BERGVERLAG – Basisversion kostenlos. Gold-Abo € 29,99 pro Jahr
www.rother.de

PRINT-KARTEN & APP

Optisch identische Print- und Digitalkarten
Kompass bietet gedruckt (Wanderkarten) und digital (App) identische Karten im typischen, klaren Stil. Online-Kartennutzung gratis. Download für Offline-Einsatz (Bezahlversion) bzw. nach Kauf einer Print-Karte, kann man den Ausschnitt kostenlos downloaden und offline nutzen.
KOMPASS KARTEN – Basisversion bzw. Inhalte von gekauften Print-Karten kostenlos. Pro-Version € 19,99 pro Jahr
www.kompass.de

UHR & APP IM ZUSAMMENSPIEL

Klug durchdacht, aktuell und smart
Sportuhr kaufen – etwa das für Outdoor- und Bergeinsatz gemachte Modell Vertical – und Karten sowie App kostenlos herunterladen – das bietet Suunto. Die aktuell gehaltenen Karten können on- und offline auf der Uhr ebenso wie in der App genutzt werden.
SUUNTO – Vertical Outdoor-Uhr ab € 599,– | App kostenlos
www.suunto.com

PREMIUMNAVI-LÖSUNGEN

High-End-Uhren und Profi-Lösungen, die ihren Preis haben
Garmin vereint Navigations-Know-how (Top GPS-Geräte) und enorme Sportuhren-Kompetenz. Navigationstaugliche Uhren mit möglichst großem Display, etwa Enduro 3 oder Fenix 8, kombiniert mit der Garmin Explore-App eignen sich bestens zur Orientierung. Uhren und App sind auch mit den Profi-Navigationsgeräten kompatibel. Der zahlreichen Möglichkeiten wegen wirkt vieles anfangs kompliziert. Und nicht alles ist nach Kauf der Uhr kostenlos.
GARMIN – Enduro 3 € 899,99 | Fenix 8 (51 mm Display) ab € 1.099,99 | App Garmin Explore kostenlos | Karten: Outdoor Maps+ € 59,99 pro Jahr
www.garmin.com